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Scheitern ist im ersten Augenblick keine tolle Sache. Aber jeder scheitert mal – privat und beruflich. Und das ist auch gut so, denn aus Fehlern lernen wir schließlich immer etwas.

Thomas Riedel ist Journalist in Köln und hat vor rund drei Jahren mit Nerdhub ein eigenes Projekt aufgebaut. Jetzt verkündet er das Aus. Mit mir spricht er darüber, warum er Nerdhub beerdigt und was er aus dem Scheitern lernt.


Thomas, was ist Nerdhub und warum gibt es das nicht mehr?

Nerdhub ist eine Plattform für die digitalen Branchen in Deutschland mit einem Fokus auf Events. In 13 Kategorien findest du bis zu 70 Events pro Woche, allein in NRW bis zu 35. Nerdhub wird es ab dem 30. September nicht mehr geben, weil ich mich dazu entschlossen habe, das mittlerweile drei Jahre alte Projekt einzustellen. Wir konnten zwar ein stets Wachstum verzeichnen, monetär hat es sich letztlich aber nicht gelohnt.

Du hast das Projekt – rechtlich – alleine betrieben, oder?

Ja, eine formale Gründung hat es nicht gegeben. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen.

Hattest du vor, das Projekt mal als Unternehmen mit Mitarbeitern aufzuziehen und hast du bewusst smarte Strukturen aufgebaut?

Die ursprüngliche Planung sah vor, eine Agentur aufzubauen – mit Redaktion, Vertrieb usw. Das wäre bei weiterem Wachstum auch unbedingt nötig gewesen. Von smarten Strukturen kann man in meinem Fall weniger sprechen, denn es handelt sich bei Nerdhub tatsächlich um redaktionelle Arbeit. Die meisten Events müssen händisch eingepflegt werden. Auch der Vertrieb wäre nichts Neues gewesen: Kundenaquise per Telefon und Email. Das Neue ist das Medium an sich: Der Kalender war das Hauptprodukt.

Zu der Agentur kam es nicht, du hast bis zum Schluss mehr oder weniger allein gearbeitet. Warum hast du es nicht geschafft, genügend Einnahmen zu generieren? Woran lag es?

Genau daran. Es kam sozusagen nie dazu, das ich in der Lage gewesen wäre, jemanden Arbeit zu geben, damit ich weiter am Wachstum und an der Qualität hätte arbeiten können. Die Entwicklung des Geschäftsmodells hat insgesamt zu lange gebraucht. Mir ist dann die Puste ausgegangen, bevor ich tatsächlich anfangen konnte, das Unternehmen aufzubauen.

Du gehst mit dem Scheitern offen um, sprichst – nicht nur mit mir – darüber. Wie geht es dir gerade?

Einerseits bin ich sehr enttäuscht, das dieses Projekt am Ende ist. Ich habe viel Zeit und Gehirnschmalz reingesteckt. Mein Gehirn denkt immer noch Nerdhub mit. Andererseits war das auch oft mit Sorgen verbunden. Denn es gab Probleme, denen ich einfach nicht Herr werden konnte. Das endlich los zu sein, erleichtert mich auch. Ich finde, als Entrepreneur hat man die Möglichkeit, die Art, an wie man etwas herangeht, offen zu kommunizieren. Da gehört es dazum nicht nur die offensichtlichen Erfolge zu feiern, sondern auch am Scheitern teilhaben zu lassen. In Deutschland ist das im Gegensatz zu anderen Startup-Hubs noch wenig kultiviert. Ich hoffe mit meiner Offenheit ein wenig zum Kultivieren beitragen zu können. Die Resonanz scheint zu bestätigen, dass das die richtige Entscheidung war.

Wenn du drei Jahre zurückschaust: Würdest du heute anders starten?

Der Entschluss und der Start der Entwicklung begann im Frühjahr 2012. Damals fror sich das Team in der alten Gasmotorenfabrik die Finger ab. Mittlerweile würde ich in der Tat anders starten. Im Grunde habe ich zu wenig journalistisch gearbeitet. Denn hätte ich ordentlich recherchiert und Interviews geführt, dann hätte ich Fehler vermeiden können. Andererseits ist der Charme eines solchen Starts ja auch, das man unbedarfter und ungehemmter an ein Projekt herangeht.

Der Plan für die ersten Monate wäre konkreter, insbesondere in der Zielsetzung. Wichtig am Anfang: Das Geschäftsmodell ist genauso wichtig wie die Relevanz. Denn wenn das mal steht, kannst du immer noch mehr Geschichten erzählen. Aber die Freiheit muss man sich erst mal erarbeiten.

Ist der typische Startup-Gedanke „erstmal Reichweite erzeugen, dann kümmern wir uns ums Geld“ somit für kleine Projekte Blödsinn?

Hm, für ein Startup nicht, denn da geht es ja darum, Investoren ins Boot zu holen. Bei einem Medienprojekt wie meinem muss man das anders herum machen. Es muss erst mal eigenständig Geld einbringen. Wenn man das bewiesen hat, dass das klappt, dann kann man weitere Gesellschafter mit ins Boot holen. Ich würde Nerdhub übrigens nicht als Startup bezeichnen, auch wenn es ein modernes und innovatives Image hat. Aber methodisch gibt es klare Unterschiede.

Wie würdest du es bezeichnen?

Ich würde mich als Mediapreneur bezeichnen und Nerdhub war ein Projekt. Guter Versuch, aber gescheitert.

Was kommt bei dir als Nächstes? Erstmal freelancen oder schmiedest du schon Pläne fürs nächste Projekt – vielleicht sogar als Solopreneur?

Was ich als nächstes mache, weiß ich noch nicht. Im Moment bin ich noch dabei, das, was mit so einer öffentlichen Ankündigung alles verbunden ist, abzuarbeiten. Ich bin auch mal ganz froh, wieder mehr Luft zu haben. Ich bin aber für alles offen. Und so wie ich mich kenne, wird es nicht lange dauern, bis ich wieder kreativ werde. Als nächstes steht erst mal mein persönlicher Blog an. Der hat nach all den Jahren auch mal etwas Liebe verdient.

Letzte Frage: Was würdest du anderen Freelancern und Solopreneuren empfehlen, wenn sie ein Projekt starten wollen?

Egal, ob man das in einem Team oder alleine macht: Ihr begebt euch auf eine Expedition in das unentdeckte Medienland. Schaut, das ihr euch in ein Umfeld begebt mit Menschen, die verstehen was ihr tut und die euch unterstützen können. Stichwort Coworkingspace für Medien, Medieninkubator oder Medienhub.

Über Thomas Riedel:
Er ist 34 Jahre jung und beschreibt sich selbst als Journalist, Podcaster und YouTuber. In NRW ist Thomas Riedel fest verwurzelt und netzpolitisch auf den Geschmack gekommen. Mit Nerdhub beerdigt er gerade sein Kalender-Projekt.